Leserbrief von Jan Altnickel zu einer zukunftsfähigen Gestaltung von Mobilität und Demokratie

Nachhaltige Mobilität und lebendige Demokratie lassen sich nicht mit krampfhaftem Festhalten an gewohnten "Lösungen" erzielen

Leserbrief von Jan Altnickel an das Haller Tagblatt

Wie lassen sich Fahrverbote in deutschen Städten noch verhindern? Nach Informationen der Südwest Presse vom 24.04.18 möchte der Verkehrsexperte der CDU-Landtagsfraktion, Thomas Dörflinger, hierzu alle möglichen Alternativen prüfen. So empfiehlt er etwa die Filterung von Luft an besonders belasteten Stellen und sperrt sich auch nicht gegen Hardware-Nachrüstungen von älteren Diesel-Fahrzeugen. Dass er und seine CDU-Fraktion sich darüber hinaus für deutlich höhere Investitionen in Ortsumfahrungen einsetzen wollen, sollte jedoch nicht undifferenziert hingenommen werden. Schließlich ist die Reduktion von Durchgangsverkehr und Abgasen innerorts nicht der einzige Effekt einer Umgehungsstraße. Auch die nachfolgend genannten Aspekte sind zu berücksichtigen:

- Abgase werden dafür an anderen Stellen ausgestoßen.
- Zwar dürfte die Feinstaubentwicklung etwas niedriger ausfallen, da auf Ortsumfahrungen weniger oft gebremst werden muss, doch ist mit mehr oder weniger gleichbleibenden Abgasemissionen zu rechnen.
- Ortsumfahrungen verbrauchen zusätzliche Flächen: Landwirte haben das Nachsehen, aber auch Tiere und natürlich der Mensch, da im Gegenzug sicherlich keine Ortsdurchfahrt renaturiert, sondern weiterhin als Straße genutzt werden wird.
- Jede Ortsumfahrung ist gleichzeitig auch eine Barriere zur Umwelt, die ihrerseits wieder überbrückt oder untertunnelt werden muss, wenn Menschen auf die andere Seite wollen.
- Ortsumfahrungen laden zum schnelleren Fahren ein.

Rechtfertigen die Vorteile angesichts dieser Nachteile weitere Milliardeninvestitionen in den Straßenbau? Alternativ könnten zusätzliche Gelder z.B. in die Entwicklung moderner Antriebssysteme, den Umstieg auf umweltfreundliche Fahrzeuge, den Ausbau des ÖPNV sowie des Schienenverkehrs oder in die Entwicklung moderner Mobilitätskonzepte gesteckt werden. Jeder Straßenbau schafft Fakten, die sich nicht so leicht wieder ändern lassen. Angesichts klimatologischer und technologischer Unsicherheiten muss für die Verkehrswende jedoch maximale Flexibilität gewahrt werden.

Als Verkehrsexperte sollte Herr Dörflinger auf eine zukunftstaugliche Mobilitäts- und Lebensraumentwicklung setzen. Dass er und seine Fraktionsmitglieder im Stuttgarter Landtag bei einer anderen Thematik, nämlich der Reform des Landtagswahlrechts, sich jeglicher Modernisierung verwehren, lässt jedoch keine allzu großen Erwartungen wachsen. Vielmehr vermittelt die Landtags-CDU den trügerischen Eindruck, man könne mit gewohnten Mitteln alle noch kommenden Herausforderungen bewältigen. Leider wird dies aber einer Zukunft, in der wir immer noch gut und gerne leben können, nicht gerecht. Weder ein krampfhaftes Festhalten an der Landtagsmacht, noch ein Festhalten an vertrauten Lösungen zur Verkehrsorganisation wird der Gesellschaft von morgen zuträglich sein. Es braucht mehr denn je mündige Bürger, die mitdenken und mitgestalten, u.a. um mit einer nachhaltigen Mobilität und einer lebendigen Demokratie auf Dauer in umfassender Freiheit leben zu können.

Jan Altnickel

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